Von den Vögeln

Aktualisiert: Sept 17

Als Psychologin beschäftige ich mich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen, beständig auch mit meinem eigenen. Wie könnte ich andere Vögel versuchen zu verstehen, wenn ich nicht auch meinen eigenen verstehen wollte. Ja, ich bin vertraut mit dem Vorurteil, dass Menschen, die einen Psy-Beruf ausüben meist selbst ein kleines oder größeres Vogerl haben. Dem kann ich nur wohlwollend zustimmen und zwar aus folgenden Gründen: Grund 1: Es gibt keinen vollkommen psychisch gesunden Menschen... ...aber wir Menschen wollen uns gern in Richtung Gesundheit bewegen. Dies legte Aaron Antonovsky in seinem salutogenetischen Modell nahe, das er in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschrieben hat. Danach bewegen wir alle uns auf einem Kontinuum zwischen den Polen von Krankheit und Gesundheit. Antonovsky wollte die Dichotomie überwinden zugunsten eines sowohl als auch. Er war daran interessiert zu erfahren, welche Faktoren dazu beitragen gesund zu bleiben. Salus - Gesundheit Genese - Entstehung Im Gegensatz zum bisher vorherrschenden Modell der Entstehung von Krankheiten = Pathogenese Die Salutogenese baut sich um das Konstrukt des sogenannten Kohärenzgefühls auf. Man könnte auch von einem tiefen Vertrauen in sich und die Welt sprechen, das sich über drei Komponenten verstehen lässt. Ich versuche die drei Komponenten mithilfe des Beispiels einer unerwarteten oder chronischen Erkrankung darzustellen (siehe Diegelmann, 2011).

1. Verstehbarkeit Habe ich das Recht auf gute Aufklärung und Informationen? Vielleicht gewinne ich gut aufgeklärt über bestimmte Behandlungsformen ein Stück Freiheit zurück? 2. Handhabbarkeit Was habe ich im bisherigen Leben schon an Widrigkeiten überwunden. Kann ich daraus Kraft schöpfen? Kann ich sehen, dass ich ein Mensch bin, der trotzdem "Ja" zum Leben sagt (um ein Zitat von Frankl zu bedienen). 3. Gefühl von Sinnhaftigkeit Fordert mich die chronische Krankheit dazu auf zu überdenken, was mir wirklich wichtig ist im Leben? Habe ich Wünsche oder Visionen, wenn auch nur ganz ganz kleine, die unbedingt ins Leben wollen. Grund 2: Mache ich mich verwundbar, wenn ich in Beziehung trete ...wenn ich wirklich in Beziehung trete, indem auch ich meine Schwächen offenbare anstatt mich in ein übermenschliches Gewand zu kleiden. Das gilt auch für die Beziehung in vielen therapeutischen Settings. Ich glaube am heilsamsten waren jene Momente in meiner eigenen Psychotherapie als sich meine damalige Psychotherapeutin selbst offenbarte in all ihrer Menschlichkeit. Dieser Moment derselben Augenhöhe ist unbezahlbar und wertet jegliche Technik auf, da genau hier Beziehung stattfindet und in dieser auch ein Vogerl Platz hat. Zum Thema Selbstoffenbarung fragt Irvin D.Yalom, der Begründer der existentiellen Psychotherapie, wie echte Begegnung denn stattfinden könne, wenn man selbst undurchschaubar bleibt. Er bezieht sich dabei vor allem auf die Gefühle die sein Gegenüber in ihm hervorruft, nicht auf eine Offenheit über seine eigenen privaten Angelegenheiten. Diese Echtheit, die man nicht von vielen Menschen erfährt, weil oftmals vielleicht der Mut dazu fehlt, kann man aber auch in guten Freundschaften, Partnerschaften oder in der Familie praktizieren. Es bedeutet allerdings nicht einfach die eigene Wahrheit ins Gesicht zu knallen, sondern wahrzunehmen, was das Gegenüber in mir auslöst und es auch mitzuteilen. So besteht die Chance auf Wachstum. Ein Beispiel aus dem Alltag: Der Vater überflutet seinen erwachsenen Sohn mit wiederkehrenden Scherzen, die ihn ein wenig auf die Schaufel nehmen. Das repetitive Element sorgt dafür, dass der Scherz nicht mehr leuchtet, sondern äußerst fahl wird. Ein Zuseher lenkt ein und fragt nach, ob der Vater denn keinen Besuch mehr von seinem Sohn wünsche. Echtheit kann überraschen und regt vielleicht das Gehirn an neue synaptische Verbindungen einzugehen, wenn sie ausreichend oft erfahren wird. Wir Menschen suchen Beziehungen, auch wenn sie manchmal schlecht sind, auch wenn wir in ihnen wiederholen, was wir früher erfahren haben und uns dadurch zermürben. Sie sind aber auch eine Chance auszusteigen aus dem Karussell. Wo, wenn nicht in der Beziehung zum Du können wir wachsen? Oder um es mit den treffenden Worten des Neurobiologen Joachim Bauer auszudrücken: "Die stärkste Droge, das wirksamste Medikament für den Menschen, ist der andere Mensch." Literatur:

Antonovsky A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen, dgvt-Verlag.

Diegelmann C. (2011). TRUST: Impulse für einen integrativen Behandlungsansatz - Salutogenese, Residenz und Positive Psychologie als Fundament. In C. Diegelmann & M. Isermann (Hrsg.), Ressourcenorientierte Psychoonkologie. Psyche und Körper ermutigen (S. 80 - 97). Stuttgart: Kohlhammer.




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