Wut ist menschlich

Mitten im Alltag kommt es doch vor, dass wir mal wütend werden und mit anderen zusammenkrachen.


Wie kommt es dazu?


Unser besonnenes Alltags-Ich (oder auch alltagsnormale Persönlichkeit) ist in der Lage fast augenblicklich vom Großhirn ins Mittelhirn zu schalten (innerhalb von 750 ms), wo unsere Emotionen sitzen und sind wir einmal dort angelangt, haben wir keinen Zugriff mehr auf die Inhalte des Großhirns. Dort haben wir nur 3 Möglichkeiten zu reagieren:


Angriff, Flucht, Erstarrung


Menschen mit schweren Bindungstraumata erleben das natürlich viel intensiver und häufiger als Menschen, die eher kleineren Traumata ausgesetzt waren. Dennoch kennt dieses Anspringen auf Schlüsselreize, die uns nicht bewusst sind, jeder Mensch.


Warum?


Weil alles scheinbar Problematische auch eine gute Seite hat. In dem Fall hat dieses Anspringen unser Überleben gesichert, also das unserer Vorfahren. Die mussten innerhalb sehr kurzer Zeiträume auf den Säbelzahntiger reagieren. Also Gratulation an unsere Vorfahren, die dafür gesorgt haben, dass wir heute hier sitzen. Die mit der schlecht angepassten Reaktion haben nämlich keine Nachkommen mehr.


Was hat das alles mit plötzlich aufflammender Wut zu tun?


Sehr starke emotionale Reaktionen sind im Mittelhirn verortet. Das Großhirn, mit welchem wir gut denken können, wenn wir nicht unter zu starkem Stress stehen, hat aber leider keinen Zugriff auf die Dinge, die im Mittelhirn passieren. Deswegen können wir auch erst dann, sobald wir wieder im Großhirn gelandet sind, sehr cool darüber reden. Wir selbst und der andere können sich dann oft gar nicht mehr vorstellen, wie es dermaßen eskalieren konnte.


In meiner Zeit in einer sozialpädagogischen Wohneinrichtung standen starke Eskalationen an der Tagesordnung. Eine zehrende Angelegenheit für alle Beteiligten. Es bedarf sehr viel Übung mit solchen Situationen umzugehen und nicht selbst ins Traumaschema abzudriften. Jede/r hat ja seine eigene Bindungsvergangenheit, die auch anspringen kann. Ich möchte in diesem Artikel nicht darauf eingehen, wie man schwer bindungstraumatisierte Menschen deeskaliert, da dies vor allem praktische Erfahrung und Rollenspiele als Übungsfeld braucht. (Gelernt bei Deeskalationsseminaren von Dr. Christoph Göttl, den ich wärmstens empfehle.) Ich glaube es kann für viele Menschen hilfreich sein sich für psychologische Extremsituationen zu wappnen. Man weiß ja vorher meist nicht, wie man reagieren wird.


Ich möchte gern eine Übung vorschlagen sich selbst besser kennenzulernen, das Aufsteigen der Wut zu spüren und dann selbst einzugreifen. Das steigert die Selbstwirksamkeit und wirkt sich mit der Zeit und viel Übung auch positiv auf unsere Beziehungen aus.


Ich merke die Wut steigt auf und ich verliere bald die Kontrolle: Ich sage zu mir selbst laut oder leise "Stopp" und halte inne. Ich mache mir in diesem Moment des Innhaltens (wie oben beschrieben ist das ein sehr kurzer Zeitraum vor der automatisch ablaufenden Mittelhirnreaktion) bewusst, dass ich weder mir noch anderen Menschen Schaden zufügen will (mit garstigen Worten zum Beispiel). Ich unterdrücke die Wut dabei nicht. Ich beginne mich auf meinen Körper zu besinnen. Zum Beispiel kann ich die Atemzüge zählen, den Raum wechseln oder die Körperhaltung verändern. Ich nehme mich in meiner Wut an. Ich kann auch sagen, dass ich Wut habe mit einem Begleitgefühl von: "Ich bin aber nicht meine Wut."

Dann mache ich entweder etwas Paradoxes wie zum Beispiel den Streit auf möglichst engem Raum fortzuführen. Warum nicht dafür aufs Klo gehen? Oder ich gehe ganz aus der Situation und mache was mir guttut. Es kann ein kleiner Spaziergang sein, ein Lauf oder auch Springen auf dem Trampolin der Kinder, was auch immer. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Meist flaut hier schon vieles ab und man kommt zurück ins Großhirn. Es gibt dazu noch weiterführende Übungen. (siehe Buddhistische Psychologie; Tilmann Borghardt, Wolfgang Erhardt, 2016)


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